Rotary Präsident Holger Knaack zur globalen Polio–Situation

In dem Interview es geht um die Frage, warum es wichtiger denn je ist, PolioPlus, Rotarys Programm zur Ausrottung der Kinderlähmung, zu unterstützen, und welche Lehren daraus für die globale Reaktion auf die COVID–19–Pandemie gezogen werden können.

PolioNews (PN) spricht mit Holger Knaack, dem Präsidenten von Rotary International 2020/21. In dem Interview es geht um die Frage, warum es wichtiger denn je ist, PolioPlus, Rotarys Programm zur Ausrottung der Kinderlähmung, zu unterstützen, und welche Lehren daraus für die globale Reaktion auf die COVID–19–Pandemie gezogen werden können.
 

PN: Präsident Knaack, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mit uns zu sprechen. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation nach etwas mehr als einem Jahr der weltweiten COVID–19–Pandemie im Hinblick auf die weltweiten Bemühungen zur Ausrottung der Kinderlähmung?

HK: Wir haben über die letzten zwölf Monate hinweg viele Lektionen gelernt. Zuerst erkannten wir den Wert eines robusten Gesundheitssystems, das wir in Ländern wie meinem, Deutschland, über die letzten Jahrzehnte hinweg als selbstverständlich wahrgenommen haben. Wir haben gesehen, wie wichtig ein starkes Gesundheitssystem für eine funktionierende Gesellschaft ist, und umgekehrt, wie zerbrechlich gesellschaftliche Strukturen sind, wenn diese Systeme zu kollabieren drohen. In Bezug auf PolioPlus bedeutet das natürlich, dass gerade Kinder, die in Regionen mit einer schwachen Gesundheitsversorgung leben, am meisten gefährdet sind, an Krankheiten wie Polio zu erkranken. Wir müssen also alles tun, um Gesundheitssysteme systematisch zu stärken – damit alle Krankheiten vermieden werden.

Die zweite Lektion, die wir gelernt haben, betrifft den Wert wissenschaftlicher Erkenntnisse. COVID–19 ist ein neuer Erreger, der die Welt heimsucht, und es gibt noch viele unbeantwortete Fragen. Wie wird er wirklich übertragen? Wer und wo sind die primären Überträger? Wie bedeutend und weit verbreitet sind asymptomatische (d. h. unentdeckte) Infektionen und welche Rolle spielen sie bei der Pandemie? Und vor allem: Wie können wir unsere Bevölkerung am besten schützen, mit minimalen Auswirkungen auf das tägliche Leben? Das sind genau die gleichen Fragen, die man sich in den 1950er-Jahren in Bezug auf Polio stellte. Damals hatten die Menschen dieselbe Angst vor Polio, wie wir heute vor COVID. Das Poliovirus grassierte überall und unvermittelt, scheinbar ohne jede Logik. Eltern schickten ihre Kinder morgens in die Schule, und später am selben Tag erkrankten sie an Polio. Auch in der COVID–19–Pandemie ist der Mangel an Wissen das, was uns am meisten ängstigt. Denn das bedeutet, dass wir zumeist nicht in der Lage sind, Strategien wirklich effektiv auszurichten. Was uns Polio schon damals gezeigt hat, ist der wahre Wert wissenschaftlicher Erkenntnisse. Wir wissen, wie Polio übertragen wird, wo es zirkuliert, wer am meisten gefährdet ist, und – was am wichtigsten ist – wir haben die Mittel und das Wissen, um unsere Bevölkerung zu schützen. Dieses Wissen ermöglicht es uns, unsere Ausrottungsstrategien gezielt einzusetzen, und das Ergebnis ist, dass die Krankheit in den letzten Jahrzehnten auf nur zwei endemische Länder weltweit zurückgedrängt werden konnte. Erst kürzlich wurde Afrika als frei von allen Polio–Wildviren zertifiziert – eine enorme Leistung, die ohne wissenschaftliche Erkenntnisse nicht möglich gewesen wäre. Während wir also bei COVID noch nach Antworten suchen, müssen wir uns in Bezug auf die Ausrottung der Kinderlähmung jetzt ganz auf die operative Umsetzung konzentrieren. Wenn wir die Umsetzung optimieren, wird sich der Erfolg einstellen.

Und die dritte Lektion ist vielleicht die wichtigste: Wir können die Bemühungen um die Ausrottung von Polio nicht unbegrenzt aufrechterhalten. Wir befinden uns nun schon seit einigen Jahren auf der „Zielgeraden“. Wir sind der globalen Ausrottung so verlockend nahe, aber es fehlt uns immer noch ein Prozent. Im Jahr 2020 kam es aufgrund von COVID–19 zu enormen Beeinträchtigungen unserer Kampagne. Wir wissen nicht, wann das nächste COVID–ähnliche Virus auftauchen wird, um wieder alles zu stören. Letztes Jahr ist das Polio–Programm sozusagen mit einem sehr blauen Auge davongekommen. Aber wir haben die Möglichkeit, die Arbeit gestärkt wieder voll aufzunehmen. Wir müssen diese Möglichkeit jetzt nutzen. Wir wissen, was wir tun müssen, um Polio zu besiegen. Wir müssen die Arbeit jetzt zu Ende bringen. Wir müssen uns alle neu verpflichten und unsere Anstrengungen verdoppeln. Wenn wir das schaffen, heißt das für die Welt: eine Infektionskrankheit weniger, über die sie sich Sorgen machen muss.

Während der COVID–19 Pandemie liefern Mitglieder des Rotary Clubs Boa Vista–Cacari (D4720) Bleichmittel an eine Unterkunft für venezolanische Flüchtlinge in Boa Vista, Roraima, Brasilien. © Rotary International

PN: Sie riefen kürzlich das weltweite Rotary–Netzwerk dazu auf, seine Erfahrungen aus PolioPlus bei der Unterstützung der COVID–19–Maßnahmen zu nutzen. Könnten Sie das näher erläutern?

HK: Wir haben ein globales Netzwerk von mehr als 1,2 Millionen Freiwilligen weltweit. Dieses Netzwerk wurde konsequent und systematisch eingesetzt, um jede und jeden für die Ausrottung von Polio zu gewinnen, vom Staatsoberhaupt bis zur Mutter im entlegensten Gebiet auf dem Land in Indien. Wir haben dazu beigetragen, die Impfstoffversorgung und -verteilung zu sichern und das Vertrauen der Gemeinden in Impfstoffe zu stärken. In diesem Prozess haben wir viel darüber gelernt, was nötig ist, um eine Bedrohung der öffentlichen Gesundheit zu bekämpfen. Dieselben Lektionen sollten nun auf die COVID–19–Reaktion angewendet werden, insbesondere da die Impfstoffe jetzt eingeführt sind. Deshalb hielt ich es für wichtig, unser Mitgliedernetzwerk aufzufordern, ihre Erfahrungen zu nutzen und sie in dieser Pandemie anzuwenden.

PN: Wie war die Reaktion bisher?

HK: Überwältigend unterstützend, würde ich sagen. Zum Beispiel ermutigen Mitglieder in Deutschland, der Schweiz, Liechtenstein, Österreich und anderen Ländern in Europa die Menschen zur aktiven Teilnahme an den angebotenen Impfdiensten. Und da die COVID–Impfung kostenlos angeboten wird, werden die Geimpften dazu ermutigt, stattdessen den Betrag, den dieser Impfstoff sie gekostet hätte – etwa 25 US–Dollar – an PolioPlus zu spenden. Dies hat einen doppelten Nutzen: Sie schützen sich vor COVID und tragen zur globalen Kampagne gegen das Virus bei. Und sie stellen sicher, dass Kinder auch vor Polio geschützt sind. Das ist jetzt besonders wichtig, da die COVID–Pandemie die Gesundheitsversorgung erheblich gestört hat und schätzungsweise mehr als 80 Millionen Kinder weltweit einem erhöhten Infektionsrisiko auch mit Polio ausgesetzt sind.

Während der COVID–19–Pandemie stellten Mitglieder der Rotary Clubs in D9212 in Kenia ein Nothilfeteam auf, das in Gemeinden und Siedlungen im ganzen Land Wasserstationen zum Händewaschen und andere Desinfektionsmittel verteilte. © Rotary International

Die gute Nachricht ist, dass es abgewendet werden kann. Wir wissen, was notwendig ist. Pakistan und Afghanistan nehmen ihre nationalen Bemühungen nach der Unterbrechung im Jahr 2020 wieder verstärkt in Angriff. Das ist ermutigend zu sehen. Diesem Engagement muss ein gesteigertes Engagement der internationalen Entwicklungsgemeinschaft gegenüberstehen. Wir müssen sicherstellen, dass die finanziellen Ressourcen dringend mobilisiert werden, um Polio ein für alle Mal zu besiegen. 

Ich bin besonders stolz darauf, dass zum Beispiel meine eigene Regierung, Deutschland, für 2021 wie schon für 2020 erneut 35 Millionen EURO für die Bemühungen zugesagt hat. Hinzu kamen im letzten Jahr weitere 10 Millionen EURO für die Maßnahmen in Nigeria und Pakistan. Eine solche Unterstützung ist gerade jetzt besonders wichtig, da mehr als 80 Millionen Kinder aufgrund von COVID-19 einem erhöhten Risiko für Krankheiten wie Polio ausgesetzt sind. Ende letzten Jahres haben UNICEF und WHO einen dringenden Handlungsaufruf veröffentlicht, um auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Und zum Schluss noch etwas: Spender, die unsere Polio-Kampagne unterstützen, erhalten ja tatsächlich das Doppelte für ihr Geld. Sie tragen zur Ausrottung der Kinderlähmung bei, aber dadurch auch zur Unterstützung des Polio-Netzwerks für andere Notfälle im Bereich der öffentlichen Gesundheit – wie COVID-19.

Kurz gesagt, wir haben es selbst in der Hand, den Erfolg zu erreichen. Es gibt keine technischen oder biologischen Gründe, warum Polio irgendwo auf der Welt fortbestehen sollte. Es ist jetzt eine Frage des politischen und gesellschaftlichen Willens. Wenn wir alle unsere Anstrengungen verdoppeln, wird sich der Erfolg einstellen.

Spenden an den PolioPlus-Fonds von Rotary werden um das Doppelte durch die Bill & Melinda Gates Foundation bezuschusst.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich bei polioeradication.org.

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